Gedenkstättenfahrt nach Engerhafe

[Barbara Brix, 12.10.2026]

Traditionell geht der Freundeskreis KZ-Gedenkstätte Neuengamme einmal im Jahr auf Exkursion zu einem NS-Gedenkort in Norddeutschland. Dieses Mal, vom 12. bis zum 13. September 2026, sollte es Engerhafe sein, Engerhafe in Ostfriesland…

Terra incognita am Rand Ostfrieslands

Vielleicht war es meine großstädtische Überheblichkeit, die mich zögern ließ: Ostfriesland war für mich Terra incognita und mehr noch dieses an seinem äußersten Rand gelegene, unbekannte Engerhafe!

Das verhieß eine lange Fahrt, eine Hotelübernachtung, zwei Tage für einen unbekannten Gedenkort, an dem eins der mehr als 80 Außenlager des KZ Neuengamme gerade mal zwei Monate lang existiert hatte: Im November und Dezember 1944, als die deutsche Niederlage sich sowieso schon überdeutlich abzeichnete. Wie an anderen Punkten der niedersächsischen und schleswig-holsteinischen Westküste (Ladelund, Husum-Schwesing) sollten KZ-Häftlinge dort noch in aller Eile mit Hacken und Spaten Panzergräben ausschachten, um einen vermuteten Vormarsch alliierter Soldaten aufzuhalten.

Am Ende waren wir nur ein kleiner Trupp, der sich von Hamburg mit dem Regionalzug über Bremen Richtung Norddeich-Mole auf den Weg machte.

Teilnehmend der Gedenkstättenfahrt vor der Namenstafel der im KZ Engerhafe umgekommenen Häftlinge auf dem Friedhof des Ortes, Foto: Barbara Hartje, Engerhafe, 2026
Teilnehmend der Gedenkstättenfahrt vor der Namenstafel der im KZ Engerhafe umgekommenen Häftlinge auf dem Friedhof des Ortes, Foto: Barbara Hartje, Engerhafe, 2026

Aber – um es gleich vorwegzunehmen – es wurde eine überraschend spannende Reise. Die kleine Zahl ließ uns intimer und intensiver miteinander und den Gastgeber:innen ins Gespräch kommen, und die Begegnung mit dem Ort wurde ein unerwartet eindrückliches Erlebnis.

Das Lager mitten im Dorf

Wir konnten es schier nicht fassen: zwar fehlt von dem Lager heute jede Spur, aber es gibt präzise Aufzeichnungen zu seiner Lage und Ausdehnung: in der Mitte des Dorfes, einen Steinwurf entfernt von der Kirche! Man kann sich mühelos ausmalen, wie man durch das Wohnzimmerfenster des benachbarten Bauernhauses direkt auf den Zaun, die Umrisse der Baracken und den Wachtturm blicken konnte. 

Gemälde des Malers Herbert Müller, die den Zug von KZ-Häftlingen durch das Dorf Engerhafte zeigen sowie Gemälde von Totenköpfen mit Schriftzügen "Cementiere Engerhafe Tombe 162" und "Cementiere Engerhafe Tombe 132"
Der Zug der Häftlinge durch das Dorf Engerhafe, gesehen mit den Augen des Malers Herbert Müller, Foto: Barbara Hartje, 2026

Der Maler Herbert Müller, den in seinem Atelier kennenzulernen wir am Folgetag die Ehre hatten, hat es genauso gemalt: der Blick fällt vom Mittagstisch, anfangs vielleicht befremdet, vielleicht sogar mitleidig, später, mit der Gewöhnung, gleichgültig-gefühllos auf den Zug der entkräfteten Häftlinge, die sich täglich die Dorfstraße entlang schleppten. Ein langer Fußmarsch zum nächsten Bahnhof, von dort mit dem Zug nach Aurich, von dort wiederum einige Kilometer in den Wald hinein, bis zu der Stelle, an der sie tagaus, tagein bei Wind und Wetter schaufeln mussten – ein militärisch sinnloses Werk, das, nie genutzt, sowieso keinen Schutz geboten hätte.

Der Maler Herbert Müller erläutert seine Beziehung zur Geschichte des KZs Engerhafe in seinem Atelier, Foto: Barbara Hartje, 2026
Der Maler Herbert Müller erläutert seine Beziehung zur Geschichte des KZs Engerhafe in seinem Atelier, Foto: Barbara Hartje, 2026

Wir bekamen von Heiko Kiser, dem Leiter des Museums, die Geschichte dieses kleinen, aber furchtbaren Lagers zu hören und die ansprechende, medial ganz moderne Ausstellung im Alten Pfarrhaus zu sehen. Es steht gleich neben dem Ort des düsteren Geschehens, das in den zwei Monaten 188 Opfer unter den etwa 2000 Häftlingen gefordert hatte. Sie waren auf dem nahegelegenen Friedhof des Dorfes in einem Massengrab verscharrt, aber Anfang der fünfziger Jahre vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge exhumiert und zum Teil in ihre Heimatländer gebracht oder in namenlosen Einzelgräbern erneut bestattet worden. 

Jahrzehnte des Schweigens

Danach wuchs – wie bei Dornröschen – eine blickdichte Buchenhecke, die diesen Teil des Friedhofes, die Opfer und die Erinnerung an sie jahrzehntelang abschottete und den – so schien es mir – weit verbreiteten und hartnäckigen Willen all derer symbolisiert, die vergessen wollten. Und zwar dauerhaft. Sowohl in der lokalen Gesellschaft wie in der regionalen Politik.

Beharrlich erinnern

Umso eindrucksvoller war es zu hören, wie sich – fast von Anfang an, all die Jahrzehnte hindurch und sogar über die Generationen hinweg – einzelne Menschen aus dem Ort und der Umgebung unermüdlich gegen diese Wand aus Schweigsamkeit und Nicht-wahr-haben-Wollen stemmten: neben anderen auch der Maler Herbert Müller, Pastor Carl Osterwald und später seine Tochter Hilke, die jetzige Vorsitzende des Vereins Gedenkstätte KZ Engerhafe e.V. Sie arbeiteten mit Veranstaltungen, Nachforschungen, Ausstellungen, Besuchen in Schulklassen dagegen an, bis sie schließlich Gehör und Zustimmung fanden und vor zwei Jahren, 2024, – mit großzügiger Unterstützung des Landes Niedersachsen – diese kleine, aber höchst eindrucksvolle Gedenkstätte entstand. Ehrenamtlich getragen wird sie von dem Verein.

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