„Erzählcafés“ – Mit Familiengeschichten über die NS-Zeit ins Gespräch kommen

[Text: Barbara Brix, 11.08.2026]

Im Rahmen der Woche des Gedenkens Hamburg‑Mitte fanden am 24. April und am 8. Mai 2026 in der Zentralbibliothek am Hühnerposten zwei „Erzählcafés“ statt.

An den Erzählcafés waren fünf Mitglieder des Freundeskreises der KZ-Gedenkstätte Neuengamme beteiligt: Ulrich Gantz, Martin Doerry, Rüdiger Horstmann, Bernhard Esser und Barbara Brix nahmen vom Freundeskreis an den Erzählcafés teil. Weitere Gesprächspartner:innen waren Sandra Wachtel, Norma von der Walde und Andreas Wittenberg sowie die Organisatorin Nicole Mattern, die das Format entwickelt hat.

Das Erzählcafé wurde in diesem Jahr bereits zum fünften oder sechsten Mal durchgeführt und hat sich zu einem festen Bestandteil der Gedenkwoche entwickelt. Sein besonderer Charakter entsteht durch die Kombination aus kurzen biografischen Einführungen im Plenum und anschließenden kleinen Gesprächsrunden in geschützter Atmosphäre.

Ein Format, das Nähe schafft

Zu Beginn hören die Schüler:innen in Kurzfassung sieben bis acht unterschiedliche Familiengeschichten aus der Zeit des Nationalsozialismus – Geschichten von Verfolgung, Flucht, Widerstand, aber auch von Täterschaft. Anschließend kommen sie in mehreren kleinen Gesprächsinseln zusammen, in denen jeweils ein oder zwei Erzähler:innen ihre Familiengeschichten vertiefen.

Nach 45 Minuten wird gewechselt, so dass die Jugendlichen mehrere Perspektiven kennenlernen können. Die intime Gesprächssituation ermöglicht Fragen, die im Klassenraum oft unausgesprochen bleiben – und Begegnungen, die nachhaltig wirken.

Was die Schülerinnen mitgenommen haben

Die Rückmeldungen zweier Schulklassen (Struensee Gymnasium und Stadtteilschule Rissen) zeigen eindrucksvoll, wie stark das Format wirkt.  

Hier eine zusammengefasste Darstellung der wichtigsten Eindrücke:

1. Große Offenheit und persönliche Atmosphäre

Die Schülerinnen betonen immer wieder, wie offen, freundlich und zugänglich die Erzähler:innen waren. Die Gespräche seien „persönlich“„ehrlich“ und „authentisch“ gewesen. Viele empfanden es als besonders wertvoll, dass die Nachkommen über ihre eigenen Familien sprachen, sowohl aus Opfer‑ als auch aus Täterfamilien.

2. Hohe Relevanz und emotionale Wirkung

Die Jugendlichen beschreiben die Erzählungen als spannend, bewegend und wichtig. Mehrere berichten, dass ihnen erst durch diese Gespräche bewusst wurde, wie viele Familien – auch ihre eigenen – eine Geschichte aus der NS‑Zeit haben. Die unmittelbare Nähe zu den Erzähler:innen habe das Thema greifbarer gemacht als im Unterricht.

3. Möglichkeit, frei und ohne Hemmungen Fragen zu stellen

Viele loben, dass sie jede Frage stellen konnten, ohne das Gefühl zu haben, etwas Falsches zu sagen. Die Antworten seien ausführlich, verständlich und respektvoll gewesen. Einige bemerkten, dass die Erzähler:innen manchmal Sorge hatten, „zu viel zu reden“, was die Schülerinnen jedoch ausdrücklich nicht so empfanden.

4. Das Format überzeugt – kleine Runden, echter Austausch

Die Gesprächsstruktur wurde als ideal beschrieben: kleine Gruppen, ruhige Atmosphäre, echter Dialog. Ein persönlicher Eindruck eine:r der Teilnehmenden war: „Ich fand die Gespräche sehr interessant und wichtig.  Die kleineren Runden mit den Erzählern haben es ermöglicht, besser und persönlicher Fragen zu stellen und einfach miteinander ins Gespräch zu kommen. Das hätte man mit einer ,Frontalen Methode‘ wie im Unterricht, denke ich, nicht erreichen können.“

Besonders geschätzt wurden die mitgebrachten Fotos und Dokumente, die die Geschichten lebendig machten.

5. Wunsch nach mehr Zeit

Mehrere Schüler:innen hätten sich längere Gesprächszeiten gewünscht, da die Runden „wie im Flug“ vergingen. Manche konnten nur zwei oder drei Geschichten hören und hätten gerne mehr erfahren.

6. Impulse für das eigene Nachdenken

Einige Jugendliche berichten, dass sie durch das Erzählcafé angeregt wurden, sich intensiver mit der NS‑Zeit auseinanderzusetzen: „Die Möglichkeit, sich mit den sehr sympathischen und authentischen Erzählern über die eigene Familiengeschichte auszutauschen und die Greifbarkeit, die dadurch entstand, hat mich dazu angeregt, auch zu Hause wirklich mal nachzufragen, welche Geschichte meine Familie hat.“

Die beiden Erzählcafés haben eindrucksvoll gezeigt, wie wichtig und wirksam persönliche Begegnungen für die historisch‑politische Bildung sind. Die Offenheit der Erzähler:innen, die Vielfalt der Perspektiven und die geschützte Gesprächsatmosphäre ermöglichen Jugendlichen einen Zugang zur Geschichte, der weit über das Schulbuch hinausgeht: „Die Jugendlichen äußern sich in diesen fast privaten Gesprächskreisen spontaner und angstfreier als im schulischen Rahmen“, sagte eine der Erzähler:innen.

Die Woche des Gedenkens Hamburg‑Mitte und der Freundeskreis KZ-Gedenkstätte Neuengamme danken allen Beteiligten für ihr Engagement und den Schüler:innen für ihr großes Interesse und ihre Offenheit.

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