Bewegende Gedenkfeier für Wilhelm Wilhelmsen

[Herbert Diercks, 13.08.2026]

Ende 2025 erschien im Hamburger Schaff-Verlag das von mir erstellte „hamburger bauheft 50“ zur Geschichte des in Hamburg kaum bekannten ehemaligen Polizeigefängnis in der Straße Hütten („Hüttengefängnis“) in Hamburg-Neustadt. Der Freundeskreis KZ-Gedenkstätte Neuengamme ermöglichte mit einem Zuschuss die Herausgabe.

Recherchen zu Wilhelm Wilhelmsen aus Norwegen

Bei den Recherchen stieß ich auf das Schicksal des 21-jährigen norwegischen Studenten Wilhelm Wilhelmsen, der 1944 fünf Wochen im Hüttengefängnis inhaftiert war und am 26. April 1944 im Alter von 21 Jahren im Krankenhaus Langenhorn starb. Auf der Suche nach einem Foto erhielt ich einen ersten Kontakt zu norwegischen Familienangehörigen. Das war der Beginn einer Freundschaft.

Gerahmtes Foto von Wilhelm Wilhelmsen als Schüler um 1942, aus dem Besitz seiner 2025 verstorbenen Schwester Margaret
Gerahmtes Foto von Wilhelm Wilhelmsen als Schüler, um 1942, aus dem Besitz seiner 2025 verstorbenen Schwester Margaret (Privatbesitz)

Das Grab von Wilhelm Wilhelmsen befindet sich auf dem auf dem Ohlsdorfer Friedhof nahe der Kapelle XIII. Dort war sein Leichnam am 18. Mai 1944 bestattet worden – wahrscheinlich von Zwangsarbeitern. Ohne Familienbeteiligung, ohne Feier.

Auf der Website des NDR ist ein ausführlicher Bericht zum Schicksal des norwegischen Studenten erschienen.

Im Kontakt mit der Familie entstand die Idee, eine würdige Gedenkfeier für die Familie und Freund:innen nachzuholen – 82 Jahre später, am 30. Mai 2026 im Rahmen des Projektes „DENK MAL AM ORT“ (DMAO) des gemeinnützigen KUBIN e. V. Der Freundeskreis KZ-Gedenkstätte Neuengamme hatte sich bereit erklärt, den Besuch und die Gedenkfeier finanziell zu unterstützen.

Die norwegischen Gäste und das Gedenkprogramm in Hamburg

Am Donnerstag, dem 28. Mai 2026, trafen Ellen und Ghassan Østby, Åse Wilhelmsen und Ebbe Pedersen, Toril Bye Wilhelmsen und Morten Løwe sowie Anna und Fredrik Østby Schippert mit ihren beiden Töchtern in Hamburg ein. Damit waren drei Generationen vertreten: Ellen und Åse sind Kinder der Schwester und des Bruders von Wilhelm Wilhelmsen und damit dessen Nichten. Toril Bye und Anna sind Großnichten und ihre beiden Kinder Urgroßnichten von Wilhelm Wilhelmsen.

Am Freitag, den 29. Mai 2026, stand der Besuch des heutigen Männerwohnheimes im ehemaligen Hüttengefängnis mit einem Treffen mit Mark Olof sowie Justine Coles von Fördern & Wohnen AöR Hamburg an. Auf Einladung der Bürgerschaftskanzlei fand eine englischsprachige Führung durch das Hamburger Rathaus statt. Nachmittags erfolgte ein Empfang in der norwegischen Seemannskirche. Hege Marie Köster berichtete aus der Geschichte der Seemannsmission und der Kirche. Ein Höhepunkt des Treffens war, als Ellen Østby ein kleines Heft aus dem Besitz von Wilhelm Wilhelmsen vorstellte.

Die Gedenkveranstaltung auf dem Ohlsdorfer Friedhof

Höhepunkte des Besuchs der norwegischen Angehörigen bildeten die Gedenkveranstaltung in der historischen Kapelle XIII des Ohlsdorfer Friedhofs am 30. Mai 2026 und das anschließende Beisammensein am Grab von Wilhelm Wilhelmsen. Nach der Begrüßung durch Dr. Christine Eckel von der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorteverlas diese eine Grußbotschaft der Rektorin der Universität Oslo, Prof. Dr. Ragnhild Hennum. Anschließend berichtete ich über die Geschehnisse an der Universität Oslo 1943 und die Repressionen gegenüber Hochschulangehörigen.

Sehr bewegend waren die anschließenden sehr persönlich gehaltenen Beiträge zweier Nichten von Wilhelm Wilhelmsen.

  • Ellen Østby skizzierte mit wenigen Sätzen das wohlbehütete Aufwachsen der drei Kinder und den gemeinsamen Besuch mit ihrer Mutter und Wilhelms Schwester Margaret von Wilhelms Grab: „Als wir am Grab standen, weinten wir alle. Wir hatten Blumen und eine norwegische Flagge dabei und sangen spontan das Lied ‚Kringsatt av Fiender‘.“ Der Wunsch nach Frieden und Menschlichkeit wird in diesem Lied zum Ausdruck gebracht.
  • Åse Wilhelmsen, die Tochter von Odd, erinnerte in ihrem Beitrag an ihre Großmutter Margit und den Schmerz, der ihr zugefügt wurde: „Wir tragen die Erinnerung an Margit und Kristen und ihre drei Kinder Wilhelm, Odd und Margaret in unseren Herzen – mit Stolz und Ehrfurcht. Diese Gedenkfeier in Hamburg hat uns die Gelegenheit gegeben, zusammenzukommen, um zu reden, in alten Unterlagen sowie in Wilhelms alten Büchern und Habseligkeiten zu stöbern und Wilhelm noch besser kennenzulernen, als wir ihn zuvor kannten. Er lebt durch uns weiter!“

Anna Østby Schippert zeigte anschließend Fotos und Gegenstände aus dem Besitz ihres Großonkels, darunter das Neue Testament, das er bei der Verschleppung nach Deutschland bei sich hatte, ein Heft mit handschriftlichen Zitaten aus Liedern, Gedichten und philosophischen Texten, zwei farbige Schülermützen, Zeichnungen und zahlreiche alte Familienfotos.

Anna Østby Schippert hält Fotos hoch bei einer Gedenkveranstaltung in der historischen Kapelle XIII des Ohlsdorfer Friedhofs, im Hintergrund Simon Rebstock, 30. Mai 2026
Anna Østby Schippert, im Hintergrund Simon Rebstock, 30. Mai 2026 (Privatbesitz)

Abschluss am Grab von Wilhelm Wilhelmsen

Ein neueres Foto zeigt die 81-jährige Margaret 2011 am Grab ihres Bruders auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Sie telefoniert gerade mit Odd, der altersbedingt nicht mehr reisen konnte. Sie berichtete ihm, dass sie Wilhelm beziehungsweise sein Grab gefunden habe.

Margaret Wilhelmsen am Grab ihres Bruders Wilhelm, 2011 (Privatbesitz)

Die Feier erhielt mit den Beiträgen des Gitarristen Simon Rebstock mit Werken von Manuel M. Ponce, Franz Schubert und Heitor Villa-Lobos eine berührende Abrundung.

Im Anschluss der Gedenkfeier in der Kapelle XIII schlossen sich nahezu alle Gäste dem Gang zum nahegelegenen Grab von Wilhelm Wilhelmsen an. Der Weg berührte den Ehrenfriedhof der Hamburger Geschwister-Scholl-Stiftung, einer 1961 eingerichteten Gemeinschaftsgrabstätte für Hamburger Widerstandskämpfer:innen und weitere Verfolgte, die das Naziregime überlebt hatten. Etliche Angehörige der hier Bestatteten legten spontan auch an diesen Gräbern Blumen nieder.

Am blumengeschmückten Grab von Wilhelm Wilhelmsen sangen dann die Familienangehörigen – wie bereits 2011 – das norwegische Lied „Kringsatt av fiender“.

Nichten, Großnichten und Urgroßnichten am Grab mit Blumen von Wilhelm Wilhelmsen, 30. Mai 2026
Nichten, Großnichten und Urgroßnichten am Grab von Wilhelm Wilhelmsen, 30. Mai 2026 (Privatbesitz)

Stolperstein für Wilhelm Wilhelmsen

Am 6. Juni 2026 erfolgte unmittelbar vor dem ehemaligen Hüttengefängnis das Setzen eines Stolpersteins in Erinnerung an Wilhelm Wilhelmsen. Anna Østby Schippert nahm mit ihrem Mann und beiden Kindern teil.

Stolperstein für Wilhelm Wilhelmsen mit der Aufschrift: Wilhelm Wilhelmsen, geb. 1922 Norwegen, verhaftet 1943, Universität Oslo, Gefängnis Hütten, Tot an Haftfolgen, 26.4.1944, Krankenhaus Langenhorn
Stolperstein für Wilhelm Wilhelmsen, 6. Juni 2026 (Privatbesitz)

Ich bedanke mich bei den vielen Kolleg:innen und Freund:innen, die zu dem herzlichen Empfang der norwegischen Gäste in Hamburg beigetragen haben. Für die entstandene Freundschaft mit Ellen, Åse, Toril Bye, Anna und ihren Familien bin ich sehr dankbar.

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