[Text: Dr. Jörn Bohlmann]
Das Netzwerk Erinnern vor Ort und das Elbschifffahrtsmuseum Lauenburg
Erinnerungsarbeit braucht engagierte Akteur:innen – auch und gerade im ländlichen Raum. Dr. Jörn Bohlmann, Leiter des Elbschifffahrtsmuseums Lauenburg und neues Mitglied im Freundeskreis, ist Teil des bundesweiten Netzwerks Erinnern vor Ort des Anne Frank Zentrums Berlin. Wir baten ihn, über seine Erfahrungen mit den Bildungsangeboten und -formaten im Rahmen dieses Netzwerks zu berichten.
Das Anne Frank Zentrum und das Netzwerk Erinnern vor Ort

Mit seiner Ausstellung und Geschäftsstelle in Berlin in den Hackeschen Höfen ist das Anne Frank Zentrum Berlin e.V. die deutsche Partnerorganisation des Anne Frank Hauses in Amsterdam. Mit zahlreichen Bildungsangeboten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene schaffen die Kolleg:innen des Anne Frank Zentrums in zahlreichen Veranstaltungen kreative Lernorte und führen zahlreiche Bildungsprojekte durch; immer mit dem Ziel, gesellschaftliche Verantwortung zu stärken, Geschichtsrevisionismus entgegenzutreten und sich für Freiheit, Gleichberechtigung, Demokratie und ein gutes Miteinander einzusetzen.
Eines dieser Bildungsformate ist das Netzwerk Erinnern vor Ort. Dieses Netzwerk, das von rund 100 haupt- und ehrenamtlich tätigen Aktiven gebildet wird, verfolgt das Ziel, Fortbildung, Vernetzung und Stärkung lokaler Jugendgeschichtsarbeit im ländlichen Räumen zu unterstützen. Als Leiter des Elbschifffahrtsmuseums in Lauenburg habe ich das Glück, zu diesem Netzwerk zu gehören.
Jugendgeschichtsarbeit im ländlichen Raum

Lauenburg an der Elbe zählt mit knapp 12.000 Einwohner:innen zum ländlichen Raum, wo im Gegensatz zu Großstädten außerschulische Jugendbildungsprojekte eher selten zu finden sind. Als Verantwortlicher des Museums sehe ich eine meiner zahlreichen Aufgaben darin, das Haus über seine Dauerausstellung hinaus zu einem attraktiven Lernort für Jung und Alt werden zu lassen. Ein Bemühen, bei welchem die Kolleg:innen des Anne Frank Zentrums und des Netzwerks Erinnern vor Ort immer wieder wertvolle Inspirationen liefern.
Inhaltlich fokussiert sich das Netzwerk auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts, mit einem Schwerpunkt auf die Zeit des Nationalsozialismus und den Holocaust. Die Impulse und Bedürfnisse der Akteure berücksichtigend, achten die Kolleg:innen des Anne Frank Zentrums stets darauf, dass immer auch weitere Bezüge herstellt werden, zuletzt Jüdische und migrantische Perspektiven auf die Widervereinigung und die Zeit danach – so der Arbeitstitel unseres letzten Netzwerktreffens im November 2025.
Austausch, Fortbildung und gemeinsame Praxis
Neben jährlich vier bis fünf Online-Angeboten zur Weiterbildung und zum Austausch gehören die jährlichen Netzwerktreffen in Präsenz sowie mehrtägige Fortbildungen zur Angebotspalette des Anne Frank Zentrums für das Netzwerk.
Bereits mein erstes Netzwerktreffen mit rund 35 Teilnehmer:innen vor vier Jahren erinnere ich als zwei sehr bereichernde Tage. So viele aufmerksame und interessierte haupt- und ehrenamtlich Engagierte, in geschichtspolitischer (Jugend-)Bildungsarbeit tätig, auf einem Platz erleben zu dürfen, kam einer wahren Wohltat gleich. Hier wurden Erfahrungen zum Umgang mit rechtsextremen Äußerungen in Schule, Freizeit und bei Gedenkveranstaltungen ausgetauscht. Wie geht man mit Störungen und Provokationen bei Gedenkveranstaltungen um? Immer wieder erweist sich die Unterstützung von professionellen Referent:innen als ungemein hilfreich; auch die Handreichungen bieten im eher friedlichen Museumsalltag in Lauenburg wertvolle Orientierung.
Neue Zugänge zur Erinnerungsarbeit
Mehrtägige Fortbildungen zu speziellen Jugendbildungsformaten ergänzen unsere Netzwerk- und Onlinetreffen. Dabei lernen wir unterschiedliche Formate kennen, die neue Zugänge zur Erinnerungsarbeit eröffnen. Spannend war für mich die Lebendige Bibliothek / Living Library: ein Format, bei denen in kurzen Sequenzen Zeitzeug:innen live aus ihren Leben erzählen. Gleichsam als würde man kurz in einem Buch blättern, welches einen dann unmittelbar in seinen Bann zieht.
Sehr interessant ist das Format Memory Walk. Hier machen Jugendliche auf eine historische Erinnerungslücke an ihren Wohnort oder in ihrer Umgebung aufmerksam, indem sie Passierende auf diese ansprechen und um deren Statement bitten. Die kurzen Interviewsequenzen werden – natürlich immer mit der Einwilligung der Passant:innen – gefilmt und hinterher zu einem kurzen Film zusammengeschnitten. So entsteht ein Format, bei welchem Jugendliche sich mit der Geschichte ihres Wohnortes beschäftigen, moderne Medienarbeit damit verbinden und kreativ werden. Ein guter Kollege aus unserem Netzwerk konnte im vergangenen Jahr mit europäischen Fördermitteln ein solches Projekt mit rund 60 Jugendlichen aus drei Ländern durchführen – Chapeau!
Persönliche Begegnungen als Grundlage der Erinnerungsarbeit
Die Kolleg:innen des Netzwerks Erinnern vor Ort und des Anne Frank Zentrums Berlin stellen also auch für das Lauenburger Museum eine ungemein wichtige Unterstützung dar. Darüber hinaus ist es mittlerweile zu einer Art Heimstatt für den Austausch mit guten Bekannten und neuen Freund:innen geworden. Wie in unserem Freundeskreis zeigt sich auch beim Netzwerk Erinnern vor Ort, welch wesentliche Bedeutung den wohlwollenden Begegnungen und persönlichen Beziehungen in der Erinnerungsarbeit zukommt.
Weitere Informationen zum Netzwerk Erinnern vor Ort gibt es hier: https://www.annefrank.de/bildungsarbeit/projekte/erinnern-vor-ort
