„Verlust der Menschlichkeit im Holocaust – Folgerungen für heute“

Vortrag von Dr. Peter Pogany-Wnendt, Psychoanalytiker und Psychotherapeut, am 10.11.2025 im Geschichtsort Stadthaus.

[Text: Maria Beimel]

Zur Person: Dr. Peter Pogany-Wnendt ist Psychotherapeut in Köln. Als Nachkomme jüdisch-ungarischer Überlebender und Nicht-Überlebender der NS-Verfolgung beschäftigt er sich seit vielen Jahren mit den transgenerationellen Folgen des Holocaust für Psyche und Gesellschaft. In seinem Buch „Der Wert der Menschlichkeit“ geht er der Frage nach, wie Menschen in Extremsituationen ihre moralische Orientierung verlieren können. Er analysiert die Mechanismen der Entmenschlichung und zeigt, wie in deren Folge Täterschaft entstehen kann.

Rund 60 Besucher*innen waren ins Stadthaus gekommen, um an der Veranstaltung mit Dr. Peter Pogany-Wnendt teilzunehmen. Eingeladen hatte der Freundeskreis der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. „Wir leben in Zeiten zunehmenden Verlustes der Menschlichkeit. Krieg und Gewalt scheinen sich immer stärker als Wege zur Lösung politischer Konflikte durchzusetzen – statt Dialog und Verhandlung. (…) Das Völkerrecht und die Menschenrechte werden zunehmend missachtet.“ Welche psychischen Instanzen leiten Menschen im Kontext von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die die inneren Grundlagen unserer Menschlichkeit bilden? Es sind Anlagen, die uns zum Lieben, zur Solidarität, zum Mitgefühl u. a. m. befähigen, die aber auch der Manipulation unterliegen können. „Nur mitfühlende und mit einem klaren Kompass ausgestattete Menschen, die sich an den Gesetzen der Vernunft orientieren, sind in der Lage, menschlich zu denken, zu fühlen und zu handeln.“ Sind diese „Regulative der Menschlichkeit“ ausgeschaltet, werden unmenschliche Entscheidungen und Verhaltensweisen in Gang gesetzt, so Pogany-Wnendt. Insbesondere aus der Kraft der Liebe folge für ihn die Menschlichkeit. Er bezieht sich hier auf den Psychoanalytiker Erich Fromm, der schrieb: „Ohne Liebe könnte die Menschheit nicht einen Tag existieren.“ Dies habe Folgen für Demokratie, ja auch für „unser Überleben als Menschheit.“

Pogany-Wnendt skizzierte die gesellschaften Rahmenbedingungen und institutionellen Strukturen, die die NS-Diktatur in kürzester Zeit durch die Abschaffung der Verfassung, Verbot oppositioneller Organisationen, Verfolgung, Verhaftung und Tötung von Gegnern des NS-Regimes, militärische Gewalt und Krieg und den Völkermord an der jüdischen Bevölkerung geschaffen hatte. Viele Menschen in Deutschland gerieten bei ihren alltäglichen Entscheidungen in Gewissenskonflikte wie: Gehe ich weiterhin zu meinem jüdischen Arzt? Kaufe ich in einem Geschäft ein, dessen Inhaber Jude ist? Beteilige ich mich an der Nazi-Propaganda? Viele verloren ihren „menschlichen Kompass“, indem sie Überzeugungen und Werte aufgaben, Unrecht hinnahmen und zu Mitläufern und Tätern des NS-Regimes wurden.

Dem Vortrag schloss sich ein lebhaftes Gespräch mit den Teilnehmer*innen an. Wenn die Liebe das Fundament menschlicher Einstellungen und Entscheidungen darstellt, wie kann es sein, dass frühere Generationen, in deren Erziehung der Liebe keine große Rolle zukam, nicht diese gesellschaftlichen und politischen Exzesse verübten? Wie ist es möglich, dass der Lagerkommandant von Auschwitz, Rudolf Höß, menschenverachtende rassistische Vorgaben von Nazi-Vorgesetzten im KZ umsetzte, zuhause aber direkt neben dem Lagergelände ein „liebevoller“ Familienvater war?

Am Ende waren sich die meisten Teilnehmer*innen einig, dass diese Veranstaltungen, die den Einfluss gesellschaftlicher Rahmenbedingungen auf unsere psychischen Abläufe und den daraus folgenden Entscheidungen zur Aufklärung des eigenen Denkens und Handelns wichtig sind. Wie können wir Manipulationen erkennen, bei denen Verkehrungen von Lüge und Wahrheit, von Recht und Unrecht legitime Mittel der Macht- und Interessendurchsetzung sind? Pogany-Wnendts Überzeugung von der Kraft der Liebe und der daraus folgenden Menschlichkeit könnte die überlegene Stärke für den Zusammenhalt von Gemeinschaften und Gesellschaften und eine wichtige Haltung gegen Ausgrenzung und Diskriminierung sein.

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